K78 – das/so wars!

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Am Samstag, den 31.07.2010 um 06:00 Uhr  sollte mein größtes Laufabenteuer beginnen. Mit nicht gerade vielen Laufkilometern in den Beinen war ich mir durchaus bewusst, dass mein Körper irgendwann mal “vernünftige” Antworten auf die Frage: “Warum machst du das?” einfordern würde. Im Vorfeld kann man sich dann zwar die eine oder andere Antwort zurechtlegen, aber es ist halt doch alles sehr theoretisch.

Na ja, am Freitag auf der Fahrt nach Davos achtete ich bewusst auf die Strecke als mein Navi noch 78 km anzeigte. Wie weit ist das denn? Traust du es dir wirklich zu?

In Davos hieß es dann erstmal nen Parkplatz suchen und dann die Startunterlagen abholen. Auf der Messe hab ich mir dann noch ein paar Gels und nen kleinen praktischen Laufrucksack gegönnt und dann gings zurück zum Auto. Umparken direkt auf den Parkplatz am Sportzentrum und dann kurz noch in die Stadt und was gegessen und eingekauft.

Ich tapete noch mein Knie und relativ zeitig um 19:00 Uhr legte ich mich dann in die Koje in meinem Bus. Kurz vor 4 schaltete ich dann die Standheizung ein es war saukalt… Ich zog meine Laufklamotten an – befestigte den Chip am Schuh, Nummer ans Nummernband und packte meinen Laufrucksack mit 3 Gels Handy, Geldbeutel, Handschuhe, Bufftuch, Wechseltrikot, Jacke und Sonnencreme, dazu noch den Foto – schade, hätte leichter sein können ;-)

Ich frühstückte ein Brötchen mit Banane und etwas “Biberfladen”. Trank dazu nen kalten Kaffee und noch etwas Apfelschorle.

Nach den üblichen “Geschäften” gings dann um 5:50 Uhr Richtung Start. Schnell noch 2-3 Bilder gemacht und punkt 6 Uhr gings dann los!

Das Piepsen der Zeitmessmatte, meine Polaruhr in Gang setzen und losgings. Auf ner kleinen Schleife gings durch Davos und ehe ich mich recht versah kam schon das 5 km Schild! 30:30 min?! Etwas schnell, eigentlich zu schnell aber eigentlich fühlte es sich gar nicht so an, also lies ich mich nicht weiter beirren. Kurz danach kamen dann schon die ersten Steigungen und schwupps brauchte ich schon 37:12 min für die nächsten 5 km und bin auch den ein oder anderen Meter gegangen. Richtig flach wurde es dann auch kaum mehr. Entweder bergauf oder bergab. Interessiert verfolgte ich die Anzeige der Höhenmeter…

Die Jungs und Mädels um mich herum liefen schweigend in sich gekehrt. Nur der ein oder andere K78 Erfahrene erzählte Annekdoten aus den Vorjahren und mahnte, dass das Rennen erst ab Bergün bzw. ab Chants wirklich beginnen würde. Die Mahnung kam bei mir an, denn ich merkte beim Anstieg nach Spina schon, dass meine Muskeln heute wirklich arbeiten mussten. Die eigentliche Herausforderung für mich war auf alle Fälle “bergab”. Das erste lang abfallende Stück von Monstein nach Schmelzboden ging ich anfangs sehr langsam an. Die Oberschenkel fingen an zu brennen und ich wurde vom Feld ziemlich “stehen” gelassen, also löste ich die Bremse und ließ es den letzten Kilometer laufen. Nachdem ich für die 5 vorherigen Kilometer (Spina/Monstein)  35:03 min benötigte, nahm ich die Gefällstrecke in 25:35 min.

Die Sonne ging langsam auf, aber bis Kilometer 20 lief ich mit langem Shirt und Handschuhen. In der Zügenschlucht knallte dann die Sonne rein und so wurde es Zeit zum Umziehen. Kurzärmelig gings dann bis Wiesen. “Tanken” und Sonnencreme auftragen und nach 35:16 min wurde die nächste 5 km Marke überschritten. Übers Wiesner Viadukt  gings dann weiter nach Filisur. 33:19 min dauerte es bis zur nächsten 5 km Markierung. Wieder ein längeres Gefällstück und das Wissen, von nun an gehts bergauf. Die Zeit lag bei 35:14 für das nächste Stück – ich fühlte mich noch (?) ganz gut.

Zuerst noch geschottert gings bald auf Asphalt Richtung Bergün. Laufen / gehen / laufen /schneller gehen / langsamer gehen / stehen bleiben und Bilder machen /laufen / gehen… usw. so gings Kilometerlang weiter.

Eigentlich erwartete ich, dass  die Spitzenläufer mich noch vor Bergün “kassieren”, aber dem war nicht so.

In Bergün, wie eigentlich entlang der gesamten Strecke, herrschte super Stimmung und Anfeuerungen trugen einen Kilometer um Kilometer weiter. Hier zieh ich echt meinen Hut und möchte mich auch bei den Schweizern und allen anderen Laufbegeisterten, die die Läufer hier so fantastisch unterstützten bedanken!

Bis zum Anstieg bei Chants lief ich bergauf noch 38:47 und 47:16 für die jeweiligen Abschnitte. Hier wurde ich auch von der Spitzengruppe überholt.

Für mich war bis Chants auch  der letzte Teil den ich noch landschaftlich richtig genießen konnte, denn der Untergrund war eben und man hatte Platz und war körperlich und geistig einfach noch halbwegs fit und aufnahmebereit.  In Chants bekam ich von einer netten Sanitäterin  Sonnencreme um mich nochmal etwas vor der jetzt wirklich brütenden Sonne zu schützen.

Ab Chants geht das Rennen erst los, hallte mir noch in den Ohren, als ich die ersten steileren Serpentinen nahm. Wirklich hart wurde es dann ab dem nächsten Verpflegungspunkt Valzana. Mir schmerzte langsam der Rücken, alles verspannte sich und ich wurde langsamer und langsamer. Ebene Teilstücke, mal zur Abwechslung locker lostraben? Fehlanzeige – es ging endlos hoch, steil und ohne Schatten. Ich bekam langsam Durst – und begann mir im inneren Dialog etwas in den Arsch zu treten…

Am nächsten Verpflegungspunkt Tschüvel brauchte ich etwas länger um was zu essen und zu trinken. Als ich lostraben wollte tat wirklich jeder Muskel in den Beinen weh, noch war ich nicht an der Keschhütte, dem gefürchteten Punkt bezüglich Zeitlimit. 15:40 Uhr soll hier Schicht sein. Nach “neuer  Zeitrechnung” (da ich ja 2 h früher gestartet bin), war das also 13:40 Uhr (theoretisch – praktisch bleibt es bei den 15:40 – aber man will ja auch gegenüber den Läufern der Vojahre nicht als Loser dastehen ;-) ). kurz vor 13 Uhr passierte ich die Hütte. Die 5 km davor habe ich in 1:05 h überwunden.

Innerlich jubilierte ich schon und träumte vom Finish! Als ich dann aber den Blick auf den Panoramatrail warf und die ersten Schritte bergab machte, war ich physisch und psychisch  ziemlich am Ende. Jeder Schritt bergab tat Hölle weh und um mich herum schossen etliche Läufer aus der 2. Startgruppe in wahnsinnigem Tempo bergab. Es gab auch Stürze, Blut und Tränen und bei mir einfach nur brennende Oberschenkel und Schmerzen. Immer wieder musste ich ausweichen, anhalten um schnellere Läufer passieren zu lassen. An gleichmäßigens und vor allem lockeres Laufen war nicht mehr zu denken.

Jetzt wurde es Kopfsache – immer vorwärts Schritt um Schritt – es geht kein Weg zurück

Das Panorama konnte ich nur kurz genießen, wenn ich wieder mal anhalten durfte, da der Weg so steinig und holprig war, dass man ständig aufpassen musste nicht umzuknicken oder hinzufallen. Stellte sich mir die “Warum?” Frage? Nein, denn es ging einfach weiter – also konnte es auch nicht so schlimm sein ;-)

Die Konzentration ließ leider mit jedem Kilometer mehr und mehr nach und immer wieder stolperte ich über nen Stein oder ein Hindernis.

Trotzdem fand ich langsam wieder ins laufen und schaffte in 49:34 min weitere 5 Kilometer. Die folgenden 5 Kilometer Richtung Scalettapass zogen sich ewig und auch bei der Verpflegungsstation Tagliöl brauchte ich etwas länger um die leeren Speicher wieder etwas zu füllen. Ich brauchte für diesen Abschnitt 54:04 Minuten. Auch der folgende Abschnitt war mit 49:32 kein Abschnitt der mich zeitlich wirklich befriedigen konnte.

Mein eigentliches Ziel von 11h sah ich nicht gefährdet, wäre aber gerne noch an die 10 h hingelaufen. Ab Keschhütte bis Dürrboden, war aber nicht wirklich wesentlich mehr drin für mich. Zu sehr musste ich auf den Boden achten, zu oft Platz machen für schneller Läufer und zu oft wurde ich von langsameren Laufer kurzfristig gebremst.

Ab Dürrboden machte ich mir nochmal Druck: 32:21 min und 31:38 min  für die beiden nächsten 5 km Abschnitte (wobei mir der 2. Abschnitt etwas zuuuu kurz vorkam) sprangen raus. Aber wirklich durchgelaufen bin ich nicht mehr. Immer wieder beim kleinsten Anstieg bin ich gegangen und jedes Gefälle hab ich verflucht. Alles in allem war es für mich etwas zu steil bergab, denke ich, um dieses Mal wirklich schneller zu sei. Am Schluss war mir jedes Zeitziel völlig schnuppe. Ich wollte unbedingt finishen also achtete ich darauf nicht doch noch zu stürzen und meinen brennenden Oberschenkeln nicht noch mehr abzuverlangen.

2 Km vor Schluss rief ich zuhause an und teilte meiner Familie mit, dass ich nur noch ca. 2km vor mir habe und ich nochmal nen Tritt in den Arsch brauche ;-) Nach 24:52 min habe ich dann die letzten 3,5 km auch gepackt und “kroch” fix und alle über die Ziellinie!

Es war sicher mein schönster Lauf den ich bisher gemacht habe und diese Strecke wirklich gepackt zu haben macht mich auch ein kleines bischen stolz. Bergauf war es nicht so schlimm wie befürchtet, bergab dagegen war es viel schlimmer. Die Zeit war/ist Ok – 10:25:xx sind am Ende herausgekommen – eine Zeit mit der ich wirklich sehr zufrieden bin…

Irgendwie habe ich das Gefühl ich komme zurück und laufe den Lauf dann wirklich vorbereitet (falls das wirklich geht…). Trotzdem hoffe ich, dass mich niemand mit dem Ultra Fieber infiziert hat, denn eigentlich hab ich ja gar nicht soviel Zeit ;-)


9 Comments

  1. ultraistgut 04/08/2010 09:33

    Heya, Glückwunsch zu dem bezwungenem Berg, alles in allem ist es doch noch gut gegangen, und die Zeit könnte auch schlechter sein, Abenteuer pur – gut gemacht.

    Dass die Abstiege schlimmer sind als die Aufstiege, das habe ich mir auch gedacht, aber du hast das prima gemacht, und es schreit nach Wiederholung, wer weiß, wie schnell du dann sein wirst. Bin gespannt, ob du das auf die Reihe bekommst – irgendwann – erhole dich gut ! 8)

    http://ultraistgut.wordpress.com

  2. Martin 04/08/2010 10:55

    Danke,

    Erholung ist gar nicht groß notwendig, war gestern schon wieder völlig beschwerdefrei… Werde aber trotzdem diese Woche nur wenig und langsam laufen!
    Das mit der Wiederholung wäre ne feine Sache… – insbesondere wenns dann schneller wäre ;-)

    Viele Grüße
    Martin

    http://www.zielzeiten.de

  3. Jacqueline 04/08/2010 20:44

    Hallo Martin
    Via Gästebuch des SAM bin ich auf Deinen Bericht gestossen!
    Eindrücklich!
    Und: dass Du noch Zeit gefunden hast um Photos zu “schiessen”! Super!
    Diese Photos haben mir sehr gefallen udn ich denke, dass der 6 Uhr-Start doch auch sein Reizendes hatte.
    Kompliment für Deine Leistung!
    Und ein Riesenkompliment für Deine schönen Fotos! WOW!!!!
    Meinen Bericht kannst Du lesen unter http://www.lghorn.ch; ich kann mich nicht mehr topen, deshalb begnüge ich mich mit Teilstrecken im Wettkampf oder schönen Trainings auf der Originalstrecke! Weiterhin viel Spass beim Laufen – das wünscht Dir Die “Alpine”-Siegerin von 1993 Jacqueline Keller aus dem Schwyzerländli

    http://www.lghorn.ch

  4. Martin 04/08/2010 21:17

    Und wieder wenn ich so einen Bericht lese, laufe ich in Gedanken mit und warte sehnsüchtig darauf auch dort zu laufen. Nicht jetzt, aber irgendwann. Toller bericht der deine Leistung richtig rüber bringt!

    http://pfaelzerwaldlaeufer.blogspot.com/

  5. Gerd 05/08/2010 06:58

    Ein absoluter Traum. Jetzt hatte ich so lange nichts mehr bei Dir gelesen und die Hoffnung auf weitere Beiträge in deinem Blog schon aufgegeben.
    Und dann dies!
    Du machst mich richtig neidisch. So ein “Naturerlebnis” und zugleich eine Grenzerfahrung ist ein Traum von mir.
    Und den werde ich mir definitiv irgendwann erfüllen!
    Gruß Gerd

    http://www.diro-online.com/wordpress

  6. Martin 05/08/2010 08:26

    @ Jacqueline:
    Hallo Jacqueline,
    vielen dank für Deinen Kommentar und für den Link zu Deinem Bericht. Ich denke du hast Recht, da wird es schwer das noch zu “topen”. Bei mir ist noch Luft nach oben, aber alles limitiert durch mein “kaputtes Knie”. Trotzdem macht es Spaß und das muss eben bei einem Freizeitläufer absolut im Vordergrund stehen. Der nachwuchs Eurer Laufgruppe rückt nach und da scheint ihr auch sehr gut aufgestellt. Vielleicht wird einer meiner Söhne auch bald nachrücken. 2 meiner Jungs zeigen bereits ganz gute Ansätze.

    Danke nochmal für deine Worte und liebe Grüße ins Schwyzerländli
    Martin

    @Martin
    Hallo Martin,
    dort zu Laufen, bei der Kulisse und natürlich dem Wetter – wirklich ein Traum… ALso ich bin immer noch total begeistert und euphorisiert.
    Viele Grüße
    Martin

    @Gerd:
    Hallo Gerd,
    schön, dass du auch wieder hierher gefunden hast. Neid ist nicht angebracht – nenne es Vorfreude ;-) Wenn der Lauf dein Traum ist, dann wirst du ihn dir auch erfüllen.
    Cool war für mich, dass ich den Lauf bei Mika Timing gewonnen habe und dann ab Januar auch wieder ein Ziel hatte und damit endlich auch die Motivation zum Laufen zurückkam.
    Viele Grüße
    Martin

    http://www.zielzeiten.de

  7. Olli 06/08/2010 15:05

    Toller Bericht und klasse Bilder!

    War auch herrliches Wetter am letzten Samstag in Davos.
    Ich lief auch den K78 und damit meinen ersten Ultralauf – bin begeistert -
    werde sicher mal wieder dort starten.

    Grüße vom Bodensee
    Olli

  8. Martin 08/08/2010 21:09

    Hallo Olli,

    Danke und Glückwunsch für deinen ersten Ultramarathon. Hast dir sicher einen der schönsten Läufe der Welt dazu ausgesucht… – und scheinbar bist du wie ich vom Davos Fieber infiziert :-)

    Gruß an den Bodensee
    Martin

    http://www.zielzeiten.de

  9. Pierle 09/08/2010 14:40

    Da kommt man nichts ahnend aus dem Urlaub wieder, surft durch die Läufer-Blogs und dann hat der Martin einfach mal so einen Mörder-Lauf rausgehauen.

    Hut ab!

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